Kurzkritiken: LOUDER THAN BOMBS, LEGEND, THE DANISH GIRL & THE REVENANT





Gleich mehrere interessante Neustarts beschert uns diese erste Filmwoche des Jahres 2016. Da euer geschätzter Filminspektor allerdings derzeit ganz besonders gefragt ist und sich auch kommende Filmfälle nicht von alleine unter die Lupe nehmen, präsentiert euch der Inspektor heute Kurzkritiken zu den frischen Filmstarts LEGENDLOUDER THAN BOMBS, THE DANISH GIRL und THE REVENANT.





LEGEND von Brian Helgeland

Das Gangsterfilm-Genre kann nicht mehr neu erfunden werden, und in keinem Film der jüngeren Filmgeschichte wurde dies so offenbar wie in Brian Helgelands LEGEND. Tom Hardy schlüpft in die Doppelrolle der Zwillinge Ronald und Reggie Kray, die als notorisches Gangsterduo das London der 1960er Jahre fest im Würgegriff ihres Verbrecherimperiums halten. Hardys Doppel-Performance, insbesondere in den teils intensiven Szenen brüderlicher Gewaltauseinandersetzungen, ist ganz vorzüglich, erscheint im Angesicht des soliden, aber wenig beeindruckenden Drehbuchs allerdings schnell als bloßes Gimmick. 

Geld, Alkohol, Drogen, leichte Frauen, Gewalt und recht oberflächlich behandelte Moralfragen – die vorherrschenden Aspekte von LEGEND sind allesamt alte Bekannte, und selbst ein zweifacher Hardy vermag über die stolze Lauflänge von 132 Minuten nicht über die Ermüdungserscheinungen eines offenbar restlos ausgebeuteten Genres hinwegzutäuschen. 

Fazit: LEGEND ist halbwegs unterhaltsame Genre-Kost ohne großen Mehrwert.














LOUDER THAN BOMBS von Joachim Trier

LOUDER THAN BOMBS ist ein unheimlich ruhiger, gefühlvoller Film über eine Familie (Gabriel Byrne, Jessie Eisenberg & Devin Druid), die der Tod der Mutter (Isabelle Huppert), einer berühmten Kriegsfotografin, völlig zerrüttet. Die Geschichte wird in nicht-linearer, fast assoziativer Form erzählt: Durch diverse Zeitsprünge spielt uns der norwegische Regisseur Joachim Trier in der von ihm selbst (mit Eskil Vogt als Co-Autor ) verfassten Geschichte nach und nach die fehlenden Teile eines durchaus komplexen Familienpuzzles zu. Glücklicherweise wirkt diese anachronistische Erzählform (anders als bei vielen Nachahmern seit PULP FICTION) nie aufgesetzt oder selbstzweckhaft. Nach und nach erschließt sich das Geschehen ganz organisch und zieht uns tiefer in das Drama hinein. 
LOUDER THAN BOMBS ist eine DER Filmkunstperlen des frühen Kinojahres 2016. Wie der feinfühligste aller Dirigenten schwingt Trier seinen Taktstock, nimmt uns an der Hand und tänzelt mit uns gemeinsam durch ein hochgradig bewegendes Drama, das den Inspektor mehr als einmal zu Tränen gerührt hat.










THE DANISH GIRL von Tom Hooper

Regisseur Tom Hooper ist kein Mann für seichte Stoffe und schickt nach LES MISERABLES und THE KING'S SPEECH mit THE DANISH GIRL sein nächstes Historiendrama auf die große Leinwand. Oscar-Daueranwärter Eddie Redmayne schlüpft in die ständig wechselnde Garderobe des Einar Wegener, eines dänischen Künstlers und Transgender-Pioniers. 

THE DANISH GIRL serviert uns eine immer noch relevante Thematik in wunderschönen Hochglanzbildern mit toll gespielten Charakteren. Man möchte fast paradox sagen: ZU toll gespielt. Wie jede von Eddie Redmaynes Darbietungen schreit auch Tom Hoopers neustes Glanzstück aus jeder Pore "OSCAR!" und lässt als von vorn bis hinten durchgestyltes Drama mit Award-Kalkül leider spürbar Herz und Seele missen. Ironischerweise ist das abschließende Bild des Films bezeichnend für dessen eigenes Problem: 
Manchmal bewegt uns ein frei im Wind herumflatternder Schal eben mehr als eine über zwei Stunden pedantisch mit dem Lineal abgemessene, nicht selten verkrampft wirkende Schönheit. Schade, schade!








Film der Woche:
THE REVENANT von Alejandro G. Iñárritu

Nach seinem letztjährigen Oscar-Abräumer, dem sperrig betitelten Meisterwerk BIRDMAN OR (THE UNEXPECTED VIRTUE OF IGNORANCE), meldet sich Regisseur Alejandro González Iñárritu nun mit THE REVENANT zurück. Der Film basiert auf einem Roman von Michael Punke und schildert die Reise des Trappers Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der kanadischen Wildnis von einem Bären schwer verletzt und von einem seiner Wegbegleiter, dem zwielichtigen John Fitzgerald (Tom Hardy), zum Sterben zurückgelassen wird. Womit Fitzgerald nicht gerechnet hat: Glass überlebt und schleppt sich unter Qualen durch die Wildnis mit nur einem Ziel im Auge: good old fashioned revenge.

Viel hat man im Vorfeld aufschnappen können über die schwierigen, ja kräftezehrenden Dreharbeiten inmitten der rauen Natur Kanadas, während derer die Crew an ihr absolutes Limit gestoßen und teilweise sogar das Set unter Protest frühzeitig verlassen haben soll. Ob die überlieferten Strapazen zu PR-Zwecken bewusst übertrieben wurden, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen – eines ist jedoch klar: Wenn man sich ins Kino setzt und sich auf das knapp zweieinhalbstündige Erlebnis THE REVENANT einlässt, gibt es im Grunde keinen Grund mehr, am Wahrheitsgehalt dieser Berichte zu zweifeln. 
Der Film ist ein audiovisueller Hochgenuss oberster Güteklasse. THE REVENANT wurde konsequent unter Einsatz ausschließlich natürlicher Lichtquellen gefilmt und das Ergebnis ist wahrlich atemberaubend. Kein Film, den der Inspektor jemals zu Gesicht bekommen hat, zeigt die raue, unverfälschte Natur so toll wie Iñárritu und sein Stammkameramann Emmanuel Lubezki. Sprudelnde Bäche kristallklaren, kalten Wassers. Eiszapfenbehangene, im Wind knarzende Bäume. Die zarten Sonnenstrahlen, die den klaren Himmel erleuchten. Iñárritu und Lubezki sorgen für Bildgewalt à la Terrence Malick und dank des Verzichts auf künstliches Licht für eine Authentizität und realistische Atmosphäre, wie wir sie im Film nur sehr, sehr selten zu spüren bekommen.

Fazit: THE REVENANT ist ein wundervoll fotografiertes, toll gespieltes und im besten Sinne kräftezehrendes Bewegtbild-Kunstwerk, das sich schon jetzt getrost zu den besten Filmen des noch so frischen Jahres 2016 zählen darf.






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